11. Juli 2017

Platz 3: Pflanzenfarben – René Arnold

Text und Fotos von René Arnold

Ich lebe in einer vom Alten Fritz trockengelegten Flusslandschaft im Osten Brandenburgs. Dort gibt es Ackerland, einzeln stehende Gehöfte und ansonsten freien Blick bis zum Horizont. Eine Welt aus Ordnung und Übersicht. Das Ruhrgebiet dagegen macht mich schwermütig mit seiner stilistisch wie räumlich wahllos wirkenden Bebauung und dem wild dazwischen wuchernden Grün. Es gibt hier ein Zuviel an namenlosem Leben: das überbordende, mir unbekannte Gestrüpp wird eins mit den namenlosen Millionen, die dazwischen in all ihren wahllosen Häusern ihr Leben führen, die erstehen und vergehen wie das Dickicht, zwischen dem sie leben. “Wir Menschen sind doch in ein sinnloses Nichts geschleudert” denke ich dann in pubertärem Existenzialismus, “wie schön, dass wir in Brandenburg nicht wie hier durch jeden Straßensaum daran erinnert werden.”

Der Regen begoss das üppige Grün entlang meines Weges, als ich eines Junimorgens zu Peter Reichenbach fuhr. Ein ehemaliges Wirtshaus, am Ende eines kleinen Tales außerhalb von Essen, von Bäumen und Büschen verschlungen. Ich wusste, er arbeitet mit Färbergärten und Pflanzenfarben, hat eine weltweit agierende Organisation namens sevengardens aufgebaut, und meine Aufgabe war es, ihn für ein Energiewendeprojekt zu photographieren.

Peter Reichenbach macht mir die Tür auf: muskulöse Arme, graue Locken, gequälter Blick: Auch ihn scheint die wirre Vegetation schwermütig zu machen. Er erzählt, dass das Farbensehen der Ursprung aller Kultur sei, denn nur durch das Unterscheidenkönnen von buntem, nährstoffreichem Obst im Gegensatz zu schwer verdaulichem, monochromem Gras sei der Mensch geworden, was er ist. Der Umgang mit Pflanzenfarben als Rückkehr zu den Anfängen. Und er erzählt, wie er in Gefängnissen Workshops gibt, in denen Pflanzenfarben produziert werden, und dass in diesem Tun die härtesten Jungs sich plötzlich öffnen. Oder dass alle Veränderung im gemeinsamen Tun beginnt, und wie sich in diesem archaischen Gemisch aus Gärtnerei und Färberei ein Bewusstsein für ökologische und soziale Prozesse entwickelt.

Peter Reichenbach steht im Regen, inmitten seines wuchernden Gartens, erzählt mit rot gefärbten Händen von den Freuden des gemeinsamen Färbens, und am Ende verstehe ich, dass durch sein Tun die Pflanzen wie die Menschen aus ihrer Namenlosigkeit heraustreten, dass die Menschen für die Pflanzen und für einander mehr Sensibilität und Verständnis entwickeln und sie trotz der Enge des Ruhrgebiets noch ein wenig näher zusammen rücken. Vielleicht ja gerade
durch die Enge des Ruhrgebiets, durch sein wildes Wuchern und Vegetieren. Im Osten Brandenburgs wäre man nie auf solche Ideen gekommen.