11. Juli 2017

Platz 2: Wohnjurte – Theresa Setzer

Text und erstes Foto von Marius Diab, zweites und drittes Foto von Theresa Setzer

Als Student an der Akademie der Bildenden Künste in München lud ich im Sommer 2014 das Freiraumprojekt „Kulturjurte“ im Rahmen der Jahresausstellung in den Garten der Akademie ein. Die Jurte, ein mongolisches Rundzelt, bot zahlreichen lokalen Initiativen und Einzelpersonen, die kreative Gesellschaftsgestaltung praktizieren, Raum für Veranstaltungen.

Da wir nur ein sehr kleines Organisationsteam waren, wohnte ich während dieser Zeit in der Jurte, um die Vorortbetreuung zu übernehmen. Das Leben darin gefiel mir ziemlich gut und so kam ich auf die Idee mir eine eigene Wohnjurte zu bauen. Da ich bereits seit einiger Zeit im Konsumstreik lebte, war sofort klar, dass sie aus Materialien entstehen soll, die ansonsten auf dem Müll gelandet wären, also eine Recycling- oder eher Upcycling-Jurte werden soll. Anfangs klang dieser Traum noch sehr utopisch, da ich von Jurtenbau zu diesem Zeitpunkt noch recht wenig verstand, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr verliebte ich mich in die Idee. Schon seit meiner Kindheit spürte ich eine starke Abenteuerlust in mir und das Bedürfnis näher an der Natur zu leben.

Ich träumte also weiter und begann zu recherchieren, nahm Kontakt zu Menschen auf, die schon Erfahrungen im Jurtenbau sammeln konnten und traf sie. Anfangs dachte ich, ich könnte schon im nächsten Frühling in die fertige Jurte einziehen, doch es kam ganz anders: Im Frühling hatte ich noch nicht einmal mit dem eigentlichen Bau begonnen. Ganz alleine, ohne Fahrzeug und ohne Geld, dauern die Dinge eben länger und das ist auch völlig in Ordnung.

Ich setzte meine Arbeit unbeirrt fort, obwohl einige Freunde schon den Glauben an mein Projekt verloren hatten. Im darauf folgenden Sommer hatte ich die Grundkonstruktion der Jurte dann fertig, dank eines mehrwöchigen Endspurts, bei dem ich oft Unterstützung von Freunden bekommen hatte.
Meine Jurte stand dann auf der Wiese vor der Kunstakademie, sodass ich das erste Mal dort wohnen konnte. Ich ging täglich im nahe gelegenen „Eisbach“ baden und wusch auch meine Kleidung darin. Außerdem kündigte ich endgültig meine Wohnung.

Lange hatte ich darüber nachgedacht, was ich für die Abschlussausstellung meines Studiums produzieren möchte, bis mir klar geworden war, dass meine Diplomarbeit schon seit Jahren unbewusst entstand: Es war das, was ich aus meinem Leben gemacht hatte, wie ich versuche die Welt zu verbessern, indem ich an mir selbst arbeite.

Obwohl ich wusste, dass vor allem der Bau des modularen Bodens viel Zeit kosten würde, hatte ich die Aufgabe wieder einmal völlig unterschätzt. Ab Weihnachten bekam ich zum Glück noch einmal Hilfe von Freunden, sodass ich gerade noch pünktlich zur Diplomausstellung 2016, also zum Abschluss meines Kunststudiums, die verbesserte Jurte wieder aufbauen und mit meinem ganzen Hab und Gut einziehen konnte. Ich durfte noch weitere zwei Monate im Garten der Akademie der Bildenden Künste in München leben, sodass ich etwas Zeit hatte, mir einen neuen Standort für meine Jurte und mich zu suchen.

Ein Jahr zuvor hatte ich einen Landwirt aus der Holledau kennengelernt, da ich ihm alte Hochbetten als Baumaterial schenkte, welche ich im Sperrmüllcontainer eines Hostels entdeckt hatte. Mit ihm und weiteren Menschen starteten wir das Projekt „Solidarische Landwirtschaft Auergarden“ auf seinen Ackerflächen. Wir produzieren Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau und geben diese an eine beständige Einkaufsgemeinschaft in München und Freising, die
das Projekt finanziert. Auch meine Jurte hat ihren Platz inmitten der Anbauflächen gefunden und seitdem lebe und arbeite ich dort.